Müssen wir Verstorbene loslassen?

Der Verlust eines lieben Menschen oder Tieres wiegt schwer. Nichts ist mehr so, wie es war und das Leben ändert sich von einem Moment auf den anderen. Nun beginnt der Weg des Trauerns, in dessen Zusammenhang immer wieder vom Loslassen die Rede ist. Doch was ist Loslassen und was ist es nicht?

Zunächst einmal: Wir müssen gar nichts, weder jemanden loslassen noch irgendetwas anderes. Trauern ist ein sehr individueller Prozess, auch wenn manche Phasen bei vielen ähnlich verlaufen. Dennoch kommt früher oder später das Loslassen ins Spiel. “Du musst loslassen” ist ein verbreiteter Ratschlag, der einerseits richtig und andererseits falsch erscheint, je nach Perspektive beziehungsweise der Bedeutung, der wir dem Loslassen geben.

Viele sagen “Wenn ich denjenigen loslasse, fühlt sich das an, als hätte ich ihn noch einmal verloren”. Wenn wir Loslassen damit assoziieren, dass der Verstorbene “weg” ist, fühlt sich das sicherlich so an. Doch Verstorbene sind nicht weg, auch wenn ihr physischer Körper nicht mehr da ist. Natürlich ist vieles ohne den Körper nicht mehr möglich, da gibt es nichts schön zu reden – keine Anrufe, keine Berührungen, keine gemeinsamen Erlebnisse usw. mehr. Doch sind Verstorbene nach wie vor in unserer Nähe und nur einen Gedanken weit entfernt.

Aus meiner Sicht gehört daher zum Loslassen das Akzeptieren, dass jeder von uns den Weg alles Irdischen geht. Das heißt, dass das Leben ein Kreislauf aus Entstehen und Vergehen ist und im Loslassen liegt die innere tiefe Akzeptanz dieser Tatsache, die über das intellektuelle Verständnis, was wir alle naturgemäß haben, hinausgeht.

Loslassen hat aus meiner Sicht eine weitere Komponente: Ich gestatte dem Verstorbenen, seinen Weg weiterzugehen. Ich entbinde ihn von allen Erwartungen, laufend für mich präsent sein zu müssen. Auch befreie ich ihn aus der Verpflichtung, mir laufend Zeichen zu senden, die ich dann auch noch anzweifle. Der Verstorbene ist frei, weiterzugehen und in seiner Entwicklung voranzuschreiten. Die geistige Welt ist riesig und es gibt dort unendlich viel zu entdecken. Warum sollte ich ihm diese Möglichkeit vorenthalten? In diesem Loslassen liegen die Gewissheit und das Vertrauen, dass derjenige immer noch blitzschnell an meiner Seite sein kann, wenn ich Sehnsucht nach ihm habe. Denn die geistige Welt ist blitzschnell und reagiert sofort auf ein Signal, welches unser Herz aussendet.

Damit bekommt Loslassen ein neues Gesicht und eine Form von Freiheit – sowohl für den Angehörigen, als auch für den Verstorbenen. Wenn all dies ohne das Gefühl von “Ich muss”, sondern aus Liebe für den Verstorbenen aus dem Herzen heraus geschieht, ist dies echtes Loslassen.

Im akuten Trauerfall, wenn der Schmerz unendlich hereinbricht, ist dies kaum möglich. Das ist auch gut und in Ordnung so. Doch im Laufe der Zeit, in einem bewusst erlebten Trauerprozess, darf sich das Loslassen entfalten.

Bild von Photoholiday auf Pixabay

2 Antworten auf „Müssen wir Verstorbene loslassen?“

  1. Loslassen ..heikles Thema .. und darauf möchte ich nicht so direkt eingehen .. aber ich gehe darauf ein 🙂 … denn da gibt es für mich einen großen Widerspruch.
    Es wird immer gesagt, es gibt keine Zeit und kein Raum … und so ist es doch egal für unsere lieben Verstorbenen, ob sie nun präsent da sein sollen und Zeichen schicken sollen ..oder nicht .. es ist alles unendlich … und da sollte auch vieles „gleichzeitig“ möglich sein … wie Zeichen geben und doch weiterlernen … aber die richtige Antwort finden wir glaube nur dann selbst, wenn wir selber gestorben sind … was da wirklich alles ist .. oder nicht ist ..
    „Loslassen“ ist ein arg falsches Wort, denn welcher Hinterbliebene lässt seine lieben Verstorbenen los… ? Da muss wirklich mal ein anderes Wort dafür gefunden werden, dass die Hinterbliebenen hier auf der Erde ihren Weg ohne die körperliche Anwesenheit ihrer lieben Verstorbenen weitergehen ..

  2. Sehr schön beschrieben, das Loslassen.
    Manchmal denke ich auch, mit dem Bitten mir doch Zeichen zu schicken oder im Traum bei mir zu sein setze ich meinen Lieben unter Druck. Das hat er noch nie gemocht, also werde ich nicht mehr jeden Tag hundert mal darum bitten, sondern einfach abwarten.

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